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24.01.2019 / by mokway

So geht es den Alten- und Krankenpflegern in Wiesbaden merkurist

So geht es den Alten- und Krankenpflegern in Wiesbaden



Immer mehr Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Gleichzeitig gibt es aber immer weniger Fachkräfte. Die Situation wird sich in absehbarer Zeit eher nicht verbessern, auch in Wiesbaden herrscht Notstand. Wie gehen die Pfleger damit um?


„Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt“ — ein Spruch, der prominent an der Wand im Büro des Pflegedienstes Viva Human in Schierstein prangt. Stephanie Greiff, die den Pflegedienst führt, und ihre Stellvertreterin Katarzyna Rozwadoswka, nehmen sich die Zeit für ihre Patienten. Und das, obwohl sie die gar nicht haben. Das Problem: Es gibt immer mehr Pflegebedürftige und immer weniger Fachkräfte in Deutschland. Und der Mangel macht auch vor der Landeshauptstadt nicht Halt. Wie gehen die Wiesbadener Pfleger damit um?

Zig Tausende offene Stellen in der Pflege


„Auch Wiesbaden ist von diesem Notstand betroffen.“ - Stephanie Greiff, Viva Human


„Das Problem ist, dass Pflege keine Lobby hat“, sagt Stephanie Greiff. Laut der Gewerkschaft ver.di fehlen schon jetzt 70.000 Fachkräfte in der Krankenpflege, zusätzliche 40.000 offene Stellen gibt es in der Altenpflege. „Und auch Wiesbaden ist von diesem Notstand betroffen“, sagt Stephanie. Und dabei ist Viva Human ein Pflegedienst, dem es vergleichsweise gut geht. Das liege vor allem an dem beständigen Team, erzählt Rozwadoswka. „Aber wir mussten natürlich auch an der Gehaltsschraube drehen“, fügt sie ehrlich hinzu, um ihren 13 Mitarbeitern auch einen Anreiz zu schaffen, zu bleiben.

Was bei Viva Human gelingt, ist in anderswo eher eine Ausnahme. Und das stellt neben all den Pflegern vor allem auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor große Herausforderungen. Sein Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) hat einige Leistungsverbesserungen auf den Weg gebracht, die Ausbildung im Pflegeberuf reformiert und den Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert. Das führte dazu, dass plötzlich 300.000 Deutsche mehr pflegebedürftig wurden — die Leistungsverbesserungen hingegen führten zu höheren Ausgaben in der Pflegeversicherung. Spahn löste das Problem mit einer Beitragserhöhung — um 0,5 Prozent auf 3,05 Prozent.

Politik und Gesetzgebung schuld?

„Die Krankenkassen haben immer mehr Leistungen gekürzt, um Geld zu sparen.“ - Martin Schmitt, ehemaliger Pfleger

Den Umgang der Politik mit der Pflege und die Gesetzgebung sieht auch Martin Schmitt, der rund 17 Jahre lang einen privaten Pflegedienst in Bad Schwalbach hatte, als Hauptproblem. Im Dezember 2017 verkaufte er seinen Pflegedienst — er konnte nicht mehr. Seit die Pflegeversicherung damals eingeführt wurde, sei es bergab gegangen. „Die Krankenkassen haben immer mehr Leistungen gekürzt, um Geld zu sparen“, erzählt der 64-Jährige. Dadurch habe er einen Umsatzeinbruch erlitten. „Ich konnte meine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen und den Fuhrpark nicht unterhalten“, erinnert Schmitt sich. Sieben Tage in der Woche mussten er und seine Frau am Ende arbeiten, das war zu viel. „Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss“, gibt Schmitt zu.

„Wir machen diesen Beruf aus Liebe zum Menschen, aus Liebe zur Pflege.“ - Stephanie Greiff, Viva Human

Und das, obwohl Michael Schmitt seinen Job als Pfleger geliebt hat. Genau wie Stephanie und Katarzyna. „Wir machen diesen Beruf aus Liebe zum Menschen, aus Liebe zur Pflege“, sagt Stephanie. „Aber wir müssen auch davon leben können.“ Deshalb bekommen ihre Pflegehelfer genau so viel Gehalt, wie viele Fachkräfte von anderen Pflegediensten in Wiesbaden. „Die Pflege wird schließlich zu 80 Prozent von den Helfern getragen, die keine Fachausbildung haben“, sagt Stephanie. Auch die Hierarchie haben die beiden Chefinnen abgeflacht. Nur so funktioniere das Team. „Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter nur bleiben, wenn sie sich bei uns wohlfühlen.“

Bürokratie das Hauptproblem

„Der Qualitätsanspruch in Deutschland ist sehr hoch, aber dafür gibt es zu wenig Personal.“ - Stephanie Greiff, Viva Human

Normalerweise geht der Tag bei Viva Human um 6 Uhr los, bis 14 Uhr haben die 13 Mitarbeiter — zwölf davon sind Frauen — Zeit, jeweils zehn bis elf Patienten zu betreuen. Manche brauchen weniger Zeit, andere mehr — auch wenn die Kasse nur 30 Minuten bezahlt. Das Hauptproblem ist dabei aber nicht die Pflege an sich, sondern die Dokumentation des Ganzen — die erfordert der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MdK), der alles bis ins kleinste Detail prüft. „Der Qualitätsanspruch in Deutschland ist sehr hoch, aber dafür gibt es zu wenig Personal“, erklärt Stephanie.

Dicke Akte für jeden Patienten

„Für den MdK ist diese Bürokratie viel wichtiger als die menschliche Beziehung.“ - Katarzyna Rozwadowska, Viva Human


Und das bekommen schließlich vor allem die Patienten zu spüren. Die nämlich hören sogar auf zu sprechen, weil sie merken, dass die Pflegekraft sich auf die Dokumentation konzentrieren muss. „Für den MdK ist diese Bürokratie viel wichtiger als die menschliche Beziehung“, meint Katarzyna. Über jeden Patienten muss der Pflegedienst eine dicke Akte mit vielen unterschiedlichen Formularen anlegen. Wird das nicht gemacht, oder ist ein Fehler in den Unterlagen, dann zahlt die Kasse nicht. Dass die Pfleger die Akten so penibel führen müssen, kostet sie zusätzliche Zeit.

Die Bürokratie und die Tatsache, dass essentielle Dinge wie zum Beispiel eine Wundversorgung nur die Fachkräfte, nicht aber die Pflegehelfer machen dürfen, schreckt viele ab, den Pflegeberuf überhaupt zu erlernen. Mal ganz abgesehen von den Arbeitsbedingungen und eher niedrigen Gehältern. „Die meisten Pfleger sind nur fünf bis acht Jahre im Beruf“, sagt Stephanie. Viele würden sogar schon nach der Ausbildung in eine andere Branche wechseln.

Keine Entspannung in Sicht

„Wir brauchen Pflege, damit wir pflegen können.“ - Stephanie Greiff, Viva Human

Viele steigen aus, halten dem Druck nicht Stand. Wie auch Michael Schmitt, der seinen Pflegedienst verkauft und erst dadurch Frieden gefunden hat. Besserung ist erstmal nicht in Sicht, glaubt er. „Es wird eher noch schlimmer.“ Denn wie Gesundheitsminister Spahn die 13.000 zusätzlichen Stellen, die er in der stationären Altenpflege schaffen will, besetzen will, bleibt offen. Auch, weil die Zahl der pflegebedürftigen Deutschen laut der Studie der Bertelsmann Stiftung bis 2045 auf rund 5 Millionen ansteigen wird. „Wer pflegt uns mal?“, fragt Katarzyna Rozwadoswka sich. Ihre Kollegin Stephanie ergänzt: „Wir brauchen Pflege, damit wir pflegen können.“







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